· 

Im Paradies der Wörter

Über das kommerzielle und das künstlerische Schreiben

Im paradies der Wörter

Ich schreibe. Das ist ganz leicht gesagt. Ich schreibe. „Was?“ ist die Frage, die in den allermeisten Fällen folgt und schon zögere ich: „Alles.“, möchte ich sagen, wobei das natürlich ganz und gar nicht stimmt. Das rede ich mir in meiner Hybris lediglich ein. Sowohl in künstlerischer als auch in unternehmerischer Hinsicht ist es sogar nachteilig „Alles.“ zu sagen.

 

Betrachten wir zuerst den unternehmerischen Aspekt: Natürlich ist es ausschlaggebend sein Produkt genau zu benennen, also aussprechen zu können, was man anbietet. Der Elevator-Pitch verrät das Kerngeschäft eines Unternehmens, soll neugierig machen und potentielle Kunden ansprechen. In meinem Fall sieht der Elevator-Pitch folgendermaßen aus:

 

„Ich schreibe hochwertige Werbetexte für Agenturen und Endkund*innen. Ich fasse das Wichtige in Worte und entwickle eine eigene Sprache für Ihr Unternehmen. So schreibe ich ausdrucksstarke Texte, die genau zu Ihnen passen.“

 

In diesem Sinne ist es richtig und wichtig „alles“ schreiben zu können. Nämlich in jede Richtung denken zu können, sich in andere Menschen bzw. Kund*innen hinein zu versetzen, um nicht nur zu erahnen, sondern zu wissen, wie sie relevante Informationen gerne präsentiert bekommen. Also gut, ich schreibe nicht „alles“. Ich schreibe viel Verschiedenes.

 

Die Form verändert sich ständig: Webseitentexte, Claims, Social Media Postings. Jeder Kanal hat ein eigenes Wording und eine eigene Zielgruppe. Bespielt ein Unternehmen mehrere dieser Kanäle ist der Wiedererkennungswert umso wichtiger.

 

Und in meinen Theatertexten? Befasse ich mich mit großen Themen. Zumeist geht es um das Zusammenspiel von Eros und Thanatos, um Leben und Tod, um Sexualität und Verderben. Zu viel gewollt? Vielleicht. In Arthur Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ aus dem Jahr 1819 habe ich in meiner Studienzeit folgendes Zitat gefunden: 

 

„Zwischen Wollen und Erreichen fließt nun durchaus jedes Leben fort.“ 

 

Viele meiner Figuren empfinden ihre Situation als quälend und sehnen eine (politische) Veränderung herbei. Gleichzeitig haben sie nicht die Macht ihrer Situation aus eigener Kraft zu entkommen. In meinen Augen ist das Schicksal des Einzelnen symptomatisch für das einer Gesellschaft. Ich möchte die Menschen mit meinen Texten inspirieren und motivieren.

 

Der französische Philosoph und Semiologe Roland Barthes unterscheidet in seinem 1973 erstmals erschienen Essay „Die Lust am Text“ (franz. Le plaisir du texte) zwei Textarten:

 

„Text der Lust: der befriedigt, erfüllt, Euphorie erregt; der von der Kultur herkommt, nicht mit ihr bricht, an eine behagliche Praxis der Lektüre gebunden ist.
Text der Wollust: der in den Zustand des Sichverlierens versetzt, der Unbehagen erregt (vielleicht bis hin zu einer gewissen Langeweile), die historischen, kulturellen, psychologischen Grundlagen des Lesers, die Beständigkeit seiner Vorlieben, seiner Werte und seiner Erinnerungen erschüttert, sein Verhältnis zur Sprache in eine Krise bringt.“

 

Durch die Tatsache, dass ich „in beiden Disziplinen“ schreibe, wird mir die Demarkationslinie, die den Text der Lust vom Text der Wollust trennt mit jedem Mal bewusster. Und ich muss sagen, dass mich die Grenzüberschreitung nicht nur auf der Bühne reizt. Ich gehe gern ein kleines Stückchen zu weit und probiere Neues aus. Und das in beide Reichtungen. Deshalb habe ich den Eindruck, dass das kommerzielle und das künstlerische Schreiben voneinander profitieren.

 

 

Literatur:

Roland Barthes: Die Lust am Text. Übersetzt von Traugott König. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-518-01378-5.

Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Herausgegeben von Wolfgang Freiherr von Löhneysen (Hrsg.): Textkritische Ausgabe in zwei Bänden. Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 1996, ISBN 3-458-33573-0.